Anna geht weltwärts!

 
24August
2015

Zurück nach Deutschland

Ich bin wieder in Deutschland. Wie krass.

Es gibt etliche Momente, wo mir das schlagartig bewusst wird.

Ja, ich bin wieder in Deutschland. Die Zeit, meine Zeit, in Tanzania ist vorbei.

Ich bin wieder hier und alles ist wie früher, vorher, damals. Nur sieht es anders aus, fühlt es sich anders an, fühle ich mich anders, nehme ich anders wahr.

Es ist gar nicht mal dieses Klischee-mäßige, dass ich bei jedem Euro, den ich ausgebe, bei allem, was ich habe, denke „sei dankbar, dass Du es hast!“. Aber wenn ich mal etwas mehr (damit meine ich alles über 15€..) ausgebe, rechne ich das gleich um. 15€ zum Beispiel sind 30 000 Tansanische Shilling. Was bekommt man nicht alles für 30 000 TSH.

 

Kürzlich war ich in Frankfurt. Da standen Hochhäuser, wie mit dem Lineal gezogen. An grauen Straßen auf denen schneeweiße Markierungen waren, auch diese akkurat gezeichnet. Die Bäume, die am Straßenrand standen, waren perfekt beschnitten und berechnet eingepflanzt.

Wie oft habe ich mich in Tanzania über die fehlende Freiheit beklagt.
Aber auch dieser Anblick in Frankfurt kam mir auf einmal vor, als würde er mich einschränken. Er schränkte meine Phantasie, meine Gedanken, meinen Blick ein. Ich fühlte mich wie eine Figur in einem schon abgekarteten Spiel. Wie in einem Film. Hier war kein Platz für Entfaltung.

 

Abendessen mit der gesamten Familie. Mein kleiner Bruder kratzt mit der Gabel auf dem Teller, ein ziemlich grausiger Ton entsteht. Meine große Schwester: „Boooaaah Maggi kannst Du mal ein bisschen aufpassen?!“ Maggi: „Was ist denn jetzt schon wieder DEIN Problem?“ Mama: „Sara, hör auf, an Maggi rum zu meckern! Maggi, hör auf mit der Gabel da rum zu kratzen, das macht mich ja WAHNSINNIG!!!!“ Ich wusste gar nicht, wie mir geschah. Im einen Moment war noch alles nett und harmonisch, dann passiert irgendwas, und urplötzlich schwingt die Grundstimmung von entspannt auf hochelektrisch und aggressiv um. Alle fühlen sich angegriffen, jeder mischt sich ein.

Ich möchte meine Familie mit dieser kleinen Story gar nicht an den Pranger stellen, denn wir wissen alle, dass solche Situationen überall ständig vor kommen.

Ähnliche Situation im Fernbus: Vor mir ein junges Pärchen. Auf der anderen Seite vom Gang neben den beiden eine Studentin, die an ihrem PC arbeitet. Irgendwann stöpselt sie sich ihre Kopfhörer ein, macht Musik auf ihrem Handy an. Scheinbar stecken die Kopfhörer nicht richtig im Handy, die Hälfte der Musik tönt durch die Handy-Lautsprecher, was sie nicht merkt. Das Pärchen vor mir fängt sofort an, empört zu tuscheln und den Kopf zu schütteln. Auch ich finde die Musik nicht grade angenehm, warte aber ein paar Minuten, da sie die Musik ja ganz offensichtlich nicht absichtlich laut abspielt; vielleicht merkt sie es ja noch. Nach ein paar Minuten entschließe ich mich, sie darauf hinzuweisen. In dem Moment, in dem ich mich zu ihr vorbeuge, beugt sich auch der junge Verliebte vor mir zu der Studentin. Er: „EY! kannste mal…“ Ich: „Hi, könntest Du vielleicht Deine Musik ein bisschen leiser machen bitte?“ Sie guckt ihn irritiert an, dann mich. „Oh, sorry. Na klar!“

Autofahrt mit einem Freund von mir, es ist ein schöner Nachmittag, wir sind auf dem Weg irgendwohin, haben aber absolut keinen Zeitdruck. Wir stehen an einer roten Ampel. Die Ampel wird grün. Das Auto vor uns fährt nicht sofort los. Er hupt, lässt dann den Motor aufheulen. Als das Auto vor uns also mit etwa dreisekündiger Verspätung losfährt, schnaubt mein Freund gequält/genervt auf und fährt ebenfalls los. Als die nächste Ampel direkt vor unserer Nase rot wird, gibt es das gleiche Schnauben, nur in fünffacher Lautstärke.

Situationen wie die drei, die ich hier kurz beschrieben habe, sind das, was mir das Wieder-Hier-Ankommen am Schwersten macht. Und solche Dinge passieren ständig. Jedes Mal bin ich einen Moment lang fassungslos.

In Tanzania redet niemand in solchen Tönen mit jemand Anderem. In Tanzania ist man nicht unfreundlich.

Ich versuche ständig erfolglos, zu beschreiben, was der springende Punkt an diesen zwei Haltungen ist.

Eine leider nicht besonders gute Beschreibung ist, dass ich das Gefühl habe, hier in Deutschland gönnt niemand jemand anderem was, man verzeiht nicht, drückt kein Auge zu, lässt niemand niemandem was durchgehen, fühlt sich jeder immer angegriffen. Wieso ist das so? Wieso denken wir, es sei das Beste für uns, dem Anderen immer das Böse zu unterstellen? Die Unschuldsvermutung scheint nur im Gerichtssaal angesagt zu sein.

Wenn Maggi mit der Gabel über seinen Teller quietscht, denkt Sara, er täte das mit Absicht, um sie auf die Palme zu bringen. Wenn jemand ausversehen zu laut Musik hört, tut er das ganz bestimmt aus Egoismus und Arschlochigkeit. Wenn jemand nicht sofort losfährt, wenn es grün wird, tut er das, um mich aufzuhalten, mir Steine in den Weg zu legen, nicht etwa, weil er vielleicht grade die CD wechselt, oder nicht gleich den richtigen Gang eingelegt hat. Dass eine Ampel rot wird, stört mich sogar, wenn ich gar keinen Zeitdruck habe. Diese rote Ampel ist ein Streich des Universums, das etwas gegen mich im Schilde führt. Ganz bestimmt.

Und ich denke immer nur „Leute, entspannt Euch doch mal“!

Ich weiß noch ganz genau, dass ich früher genauso war, ich habe genau in all diese Dinge rein gepasst.

Und ich erinnere mich auch genauso gut, dass dieser scheinbare Gleichmut, dieses ewige Nett-Zueinander-Sein und die allgegenwärtige Entspanntheit nicht grade leicht zu ertragen waren für mich am Anfang. Immerhin war ich daran gewöhnt, meinem Ärger ständig freien Lauf zu lassen, meine negative Energie auf andere und deren scheinbare Fehlverhalten zu projizieren.

Aber ich habe mich dran gewöhnt. Und ich habe dieses Verhalten zu schätzen gelernt.

Ich frage mich also, seit ich wieder hier bin: Wieso sind wir nicht einfach nett zu einander? Wieso schlucken wir nicht einfach ab und an runter, was uns nicht passt, anstatt direkt alles zu kritisieren und einen Streit zu suchen, wo keiner sein müsste?

 

Liebt einander; und wenn das nicht gehen will, so lasst wenigstens einander gelten.

Das ist von Goethe. Ganz schön kluger Mann.

 

Ich hoffe sehr, dass ich von dieser Ruhe und Gelassenheit, von dieser emotionalen Großzügigkeit und der verschwenderischen Einstellung gegenüber Liebe, Lob und Komplimenten noch ganz lange etwas behalten und leben kann. Es lebt sich so viel schöner, wenn man nicht den ganzen Tag zornig und aggressiv ist!

 

Abgesehen von diesen philosophischen Weisheiten und Einblicken in meine Post-Tansania-Gedankenwelt, mit denen ich Euch jetzt hier grade versorgt habe, gibt es natürlich auch etwas sachlichere Dinge zu berichten:

 

Am Flughafen wurde ich von meiner großartigen Familie liebevoll empfangen, was mich tierisch gefreut hat.

Zurück in Lübeck habe ich in den folgenden Tagen und Wochen Freunde und Bekannte wieder getroffen, sehr schnell wieder angefangen zu arbeiten und auch schon den ein oder anderen Kurztrip nach Hamburg, Berlin und Frankfurt unternommen. In Frankfurt habe ich die deutschen Frauen des Opus Spiritus Sancti besucht, die zu dieser Zeit auch grade Besuch von zwei Frauen aus Tanzania hatten, Fausta und Emily, mit denen ich zusammen gelebt habe. Dieser Besuch war sehr schön für mich, vor allem, weil ich so bald schon die zwei Frauen aus Tanzania wieder sehen konnte.

Ich freue mich natürlich auch, nicht mehr jeden Tag bodenlange Röcke tragen zu müssen, wobei ich dennoch täglich schockiert bin, wenn ich 14-jährige Mädels sehe, deren halber Popo unten aus der Hose raushängt, die diesen Namen eigentlich schon gar nicht mehr verdient hat. Oder ältere Damen in Minikleidern, die sich, galant breitbeinig sitzend, vornüberbeugen, während sie an ihrem tropfenden Eis schlecken, und dabei nicht bemerken dass ihre Brüste gleich auch Opfer der Schwerkraft werden. Kann aber sein, dass ich diese beiden Prototypen auch letzten Sommer in Deutschland schon komisch angeschaut habe, ich kann mich nicht genau erinnern.

Ich genieße das Radfahren, die langen Sommerabende, den Tatort am Sonntag, Salat, Joggen bei unter 20°, Joghurt, pünktliche Züge und Zeitunglesen.

Ich sehe all diese Sachen nicht mehr als selbstverständlich an. Ich weiß, dass ich Glück habe, hier geboren zu sein, hier zu leben und all unsere Privilegien genießen zu dürfen. Leider ist einem das alles jedoch nicht bei jeder Handlung bewusst. Ich habe mich selber auch schon wieder erwischt, wie ich mir, nur zum Spaß, kurz ein T-Shirt für 20€ gekauft habe, obwohl ich’s nicht brauche.

Aber da muss man glaube ich auch ehrlich mit sich sein.

Man ist ja kein neuer Mensch, nur weil man ein Jahr weg ist.

Ich glaube, das Wichtigste ist, zu reflektieren. Und das tue ich.

 

23August
2015

Meine letzte Zeit in Tanzania

In meiner letzten Zeit in Tanzania ist noch einiges passiert. Obwohl ich versucht habe, meinen Alltag bis zum Schluss nicht durch Vorbereitungen der Abreise beeinflussen zu lassen, waren diese Vorbereitungen schlussendlich dann doch ziemlich einnehmend.

Aber mein Melken am Abend habe ich mir bis zum letzten Tag nicht nehmen lassen!

Die Ferien in der Schule gingen bis Anfang Juli, sodass ich nur noch eineinhalb Wochen in der Schule hatte.

In diesen wenigen Tagen lief natürlich wenig nach Plan, wie es auch in Deutschland nach langen Ferien meist der Fall ist.

Meine wichtigste Aufgabe war es, den GENERAL TIMETABLE zu schreiben. Also für alle Klassen die Stundenpläne so unter einen Hut zu bekommen, dass es keine Überschneidungen gibt. Das war ein ganzes Stück Arbeit, vor allem, weil ich es natürlich auch besser als verlangt machen wollte. Ich hatte zu den Vorgaben des Academic Masters, die im Wesentlichen nur daraus bestanden, welches Fach wie oft unterrichtet werden soll und welcher Lehrer in welcher Klasse welches Fach unterrichten kann, noch ein paar Vorgaben hinzugefügt: Möglichst oft Doppelstunden, die Hauptfächer Mathe, Kiswahili, Englisch und wenn möglich auch Science, immer in den Morgen- oder Mittagstunden, auf keinen Fall in den Abendstunden. Wenn möglich vor der Doppel-Sportstunde eine Freistunde zum Umziehen. Nicht den gleichen Lehrer mit zwei unterschiedlichen Fächern hintereinander in der gleichen Klasse.

Und ich bin fertig geworden! Ich habe jedem Lehrer noch seinen persönlichen Stundenplan ausgedruckt und sogar noch den ein oder anderen Extrawunsch umgesetzt.

Schlussendlich waren alle versorgt und zufrieden.

 

Eins der wichtigsten Ereignisse im Juli für mich war wohl, dass geplant war, Tore auf den Sportplatz zu bauen. Ich wollte so sehr, dass diese Tore stehen, bevor ich gehen muss! Also habe ich mich total rein gehängt. Natürlich war das alles wahnsinnig kompliziert. Der Handwerker, der die Tore bauen sollte, hat eine Woche länger gebraucht als versprochen, dann war kein Auto da, um die Tore abzuholen, dann doch, dann musste noch Zement gekauft werden. Als die Tore endlich einzementiert waren, fiel mir ein Stein vom Herzen. Ich habe mich dann noch dran gemacht, sie schwarz-weiß zu streichen, damit sie auch optisch was hermachen. Als auch das erledigt war, wurde unser Sportplatz auf einmal wahnsinnig beliebt. Die letzten paar Tage, die ich dann noch da war, waren jeden Abend Kinder auf unserem Sportplatz, um Fußball zu spielen. Das konnten und durften sie zwar vorher auch schon, aber Tore, die durch zwei Steine markiert sind, sind natürlich nur halb so reizvoll wie richtige Tore, die man auch von weitem sieht!

 

Mein letzter Tag in der Schule rückte näher. Am Donnerstag war es so weit. Am Mittwoch hatte ich noch einen Kuchen für die Lehrer gebacken. Mit Schokoüberzug! Den brachte ich Donnerstag früh in die Schule, total gehetzt leider, weil Mama Mallya natürlich auch an diesem Tag keine Ausnahme machte und mich ganz dringend mit in die Stadt nehmen musste. Ich musste ihr bei ein bisschen Papierkram helfen und dann sind wir auch ganz schnell wieder zurück, selbstverständlich nicht rechtzeitig genug, als dass ich meinen letzten Tee mit den Lehrern hätte trinken können. So habe ich also mein letztes Mal Tee mit den umwerfend leckeren Mandaazi einfach verpasst. Sehr schade!

Aber sobald ich da war ging das große Programm für mich los. Im unteren, größeren Innenhof versammelten sich alle Schüler und Lehrer, ich wurde unter rhythmischem Klatschen und °ANNA YETU“ (Unsere Anna)-Rufen hinein geführt.

Ich werde herein geleitet..

Ich saß mit dem Headteacher und Fausta Shirima an einem Ehrentisch, ich in der Mitte.

Ehrentisch.

Nacheinander tanzten alle Klassen herein, sangen ein oder mehrere Lieder, sagten noch kurze Texte und verabschiedeten sich so von mir. Besonders gerührt war ich, als die erste Klasse „mein“ Lied für mich sang, sprich, das Lied, das ich ihnen beigebracht hatte (youtube-Link dazu gibt’s zwei oder drei Posts weiter unten hier im Blog).

Meine erste Klasse sing

Anschließend lasen die Schülersprecherin und ihr Vertreter noch einen Brief für mich vor und übergaben mir ein Geschenk der Schüler.

Brief und Geschenk der Schüler

Zu guter Letzt tanzte dann auch das gesamte Kollegium herein, über ihren Köpfen schwenkten sie zwei Geschenkboxen, sie tanzten und klatschten. Die Schüler waren ganz aufgekratzt, als sie sogar den strengsten Lehrer der Schule motiviert die Hüften schwingen sahen.

Die Lehrer tanzen zu mir ! :)

Mit den besten Wünschen und unter Getose und Gesang wurde ich dann wieder hinaus geleitet, ins festlich geschmückte Lehrerzimmer. Hier wurde groß aufgetischt: es gab ein köstliches Festmahl, die meisten Lehrer hielten eine kurze Rede, es gab etliche Toasts auf mich, meine Zukunft und meine Zeit dort. Ich fütterte ganz nach tansanischer Sitte alle Anwesenden mit Kuchen.

Toast! Ich füttere Mr. Kundy mit Kuchen

Es war ein sehr schöner Tag. Alle haben sich so viel Mühe gegeben! Am Ende gab es natürlich noch ein Foto mit allen Lehrern..

 

Als Abschiedsgeschenk für die Schüler habe ich Eis besorgt. Für jeden eins!

Ihr könnte Euch sicher vorstellen, wie groß der Jubel war. Das war wunderbar! :)

 

 

 

 

An dem Samstag bevor ich mich am Sonntag auf den Weg gemacht habe, organisierte ich noch kurzfristig ein Spiel der sechsten Klasse gegen die Siebte. Also waren am Samstag früh um 10 Uhr etwa 20 Jungs und Mädels da, die ich kannte, dazu ein paar mir unbekannte Kinder aus dem Dorf. Als ich eröffnete, dass es Trikots gibt, waren alle ganz aus dem Häuschen. Von deutschen Spendern hatten wir Trikots bekommen, die bisher noch keine Verwendung gefunden hatten. Wir hatten zwei Sorten. Um auszuloten, wer das Recht haben würde, sich das Trikot auszusuchen, hatte ich mir einen kleinen Wettbewerb ausgedacht: Unser Sportplatz war nach wie vor übersät von kleineren und größeren Kieselsteinen, die beim Sport machen echt stören und unter Umständen auch gefährlich sein können, z.B. wenn jemand umknickt oder hinfällt. Die Aufgabe der beiden Teams war es jetzt also, so schnell wie möglich fünf große Eimer mit diesen kleinen Steinen zu sammeln. Gesagt, getan.

Beide Mannschaften sahen sooooo cool aus, als sie da dann in Trikots vor mir standen!

Aber es ging noch weiter. Wenn schon, denn schon. Wir versammelten uns in der Mitte des Spielfeldes. Beide Mannschaften stellten sich gegenüber auf. Dann wurde die tansanische Nationalhymne gesungen.

Gänsehaut-Moment!

Nachdem sich alle abgeklatscht hatten, ging das Match los.

Und es machte Allen richtig Spaß! Weil es zum Schluss Gleichstand war, machten wir noch ein Elfmeterschießen.

Die Kinder hatten so eine Gaudi! Das war echt toll zu sehen.

Am Abend sollte dann meine Abschiedsfeier bei den Schwestern stattfinden. Ich durfte den ganzen Tag die Küche nicht betreten. Als ich abends kurz raus ging, um den Wachmännern noch meine kleinen Abschiedsgeschenke zu überbringen und mich zu verabschieden, kam eine Schwester panisch raus gerannt und suchte mich. Scheinbar wollten sie genau in dem Moment mit der Feier anfangen, als ich grade raus gegangen war. Ich musste sie also hinein begleiten und wurde dann durch ein Spalier aus Schwestern, die sangen, trommelten und klatschten, in den Speiseraum und zu meinem Platz am Kopfende des Tisches geführt.

An diesem Wochenende waren sehr viele Schwestern da.

Auch hier gab es wieder ein großes Festmahl. Auch die Jungs und der Pfarrer aßen ausnahmsweise mit uns im Speisesaal. Am Schluss wurde mir ein Geschenk der Schwestern überreicht, eine andere Schwester hatte auch noch etwas für mich. Ein paar Schwestern standen auf, um etwas zu sagen. Als Mama Mallya ihre Rede halten wollte, brach sie in Tränen aus und konnte gar nichts sagen. Kaum hatte sie sich wieder beruhigt und ihre Rede begonnen, kamen ihr schon wieder die Tränen. Im Endeffekt brachte sie ein paar kurze Worte raus. Ihre Tränen sprachen für mich aber Bände.

Als ich daraufhin anfing, meinerseits Abschiedsgeschenke zu überreichen, wurden ein paar Augen feucht. Ich hatte für alle Schwestern zusammen ein paar neue Liederbücher besorgt, denn wir haben nur drei oder so in der Kirche und die sind schon total zerfleddert und alt. Zudem hatte ich für alle Schwestern, die permanent mit mir im Convent gelebt hatten, noch je ein persönliches Geschenk vorbereitet: Ich hatte für jede Schwester ein Foto von mir mit ihr zusammen ausgedruckt und dieses auf Pappe geklebt, sodass es eine Karte war, wo ich je ein paar persönliche Worte rein geschrieben hatte, außerdem bekam jede Schwester ein Kopftuch. Die meisten Schwestern setzten ihr Kopftuch sofort auf und hörten gar nicht auf, sich zu bedanken und mir zu versichern, wie schön sie es finden und wie sehr sie mir danken und mich vermissen werden und mich lieben und und und…

Auch am Ende dieser Feier fütterte ich unter der Moderation von Fausta Shirima die meisten Anwesenden mit Kuchen.

Irgendwann ging aber auch diese Party vorbei.

 

Am nächsten Morgen musste ich erst gegen halb elf los, sodass ich noch entspannt in die Messe gehen konnte. In der Messe durfte ich ein letztes Mal die Lesung lesen. Ausgerechnet bei diesem letzten Mal hatte ich leider am Abend vorher die falsche Lesung vorbereitet! Dennoch klappte es ganz gut. Am Ende der Messe wurde ich noch nach vorne gebeten und bekam von dem Pfarrer, ein paar Dorfbewohnern und einigen Schwestern noch einen speziellen Reisesegen. Im Anschluss an die Messe kamen viele Dorfbewohner zu mir um sich von mir zu verabschieden, mir eine gute Reise zu wünschen und mir zu danken.

Nach der Messe haben wir sogar noch zusammen gefrühstückt, ich hatte noch ein letztes Mal Hefezopf in rauen Mengen gebacken, weil die Schwestern den so sehr lieben. Außerdem gab es Ei, Kuchen, Obst. Alles, was das Herz begehrt. Als ich dann die SMS von David, der schön früher in den Bus eingestiegen war, bekam, wo der Bus mittlerweile war, musste alles auf einmal sehr schnell gehen: ich hatte kaum Zeit, mich von allen persönlich zu verabschieden. Einige Schwestern sprangen mit mir gemeinsam auf und ließen es sich nicht nehmen, mich bis zum Auto zu begleiten, eine Schwester setzte sich sogar einfach mit rein, obwohl Mama Mallya mich alleine weg bringen wollte.

Am Bus angekommen weinte Mama Mallya immernoch, oder schon wieder, so genau ließ sich das nicht beurteilen.

Das war wahnsinnig rührend.

Ich würde sie so sehr vermissen!

 

Schließlich, nach tausend Verabschiedungen, saß ich im Bus und wurde auf einmal ganz ruhig.

Es ging nach Haus. Ich ließ zuhause hinter mir.

Wie soll man sich da fühlen?

Ich konnte ein letztes Mal die vertraute Straße entlang fahren, bis die Straße schon ganz bald nicht mehr vertraut war.

Unser Bus blieb liegen, weil der Busfahrer vergessen hatte zu tanken.

Da nicht viele so viel Geduld hatten wie wir, waren wir schlussendlich fast alleine im Bus.

Wir kamen in Dar es Salaam an.

Wir trafen alle anderen wieder.

Wir verlebten eineinhalb Tage dort im Agape Center, wovon recht wenig hängen geblieben ist.

Wir machten uns auf zum Flughafen.

Wir bestiegen das Flugzeug.

Ein letztes Mal tansanischer Boden. Zumindest Vorerst.

Ein letztes Mal afrikanische Hitze.

 

Danke, Tanzania. Danke für zehn großartige, herausfordernde, spannende, einzigartige Monate.

18Juli
2015

Ein letzter Gruß

Wie ist das passiert? Wie ist die Zeit so schnell vergangen?

Heute ist mein letzter Abend hier in Himo bei den Schwestern. Vor allem die letzten Wochen, seit ich aus dem Urlaub zurück bin, sind verflogen.

Auch jetzt grade habe ich echt wenig Zeit, hier ist es fast Mitternacht, morgen früh geht die Reise los. Und - wie könnte es anders sein - mein Koffer ist noch nicht fertig gepackt.

 

Dennoch möchte ich Euch ein letztes Mal direkt aus Tanzania grüßen und Euch - ich kann es nicht oft genug sagen - für Eure tolle Unterstützung danken.

Ich hatte ganz großartige Monate hier, mit vielen Hochs und Tiefs, ich habe viel gelernt, nicht nur über dieses atemberaubende Land, die Menschen, die hier wohnen und ihre Kultur, die so anders ist als die unsere, sondern auch über mich, meine Pläne, Wünsche, Hoffnungen, Ecken, Kanten, Schwachstellen.

Eine ausführlichere Zusammenfassung und der Bericht über meinen Abschied und die letzte Zeit wird folgen, wenn ich in Deutschland angekommen und einmal tief durchgeatmet habe.


Bis dahin grüße ich Euch aus vollem Herzen!

VIELEN DANK!

23Juni
2015

SAMAHANI, NIMEPOTEA

„Umepotea“, das sagen oder schreiben einem die Menschen hier auf Kiswahili, wenn man lange nichts voneinander gehört hat oder wenn man sich nicht gemeldet hat. Es heißt so viel wie „Du bist verloren gegangen“. Samahani, nimepotea heißt also grob übersetzt, Entschuldigung, ich bin verloren gegangen.

Ich entschuldige mich in aller Form, dass ich seit sage und schreibe zwei Monaten diesen Blog nicht mehr aktualisiert habe. Aber lasst uns das als gutes Zeichen deuten! Ich hatte so viel zu tun und war so selten gelangweilt, dass ich einfach keine Zeit dafür gefunden habe. Wenn wir acht Monate zurück denken, sah das ja noch ganz anders aus. Und das ist definitiv eine positive Entwicklung.

So, nun aber mal zu den letzten zwei Monaten, die ich jetzt anhand meines Tagebuchs, das nur geringfügig mehr Aufmerksamkeit als dieser Blog bekommen hat und meines Handys, das fast schon zu aufschlussreich ist, um als Informationsquelle genutzt zu werden, zusammen zu bauen versuche.

 

Ich gehe nach wie vor täglich abends zum Melken. Ich melke zwei Kühe, die Arbeiterin eine, anschließend verkaufe ich die Milch an die Kinder aus dem Dorf. Da ich mich wirklich bemüht habe, da jeden Abend hinzugehen, ist daraus eine schöne Regelmäßigkeit entstanden, durch die mit der Zeit auch eine gute Bindung zu den Kindern, der Arbeiterin Devota und den Wachmännern SImba und Peter entstanden ist. Auch die drei Jungs, die hier mit den Schwestern wohnen, hängen jetzt immer öfter abends bei uns am Kuhstall rum. Vor allem der Älteste, Isaya, und der Jüngste, Izack. Der Mittlere ist glaube ich zu cool, um irgendwas zu tun, was nicht von ihm initiiert ist. Schade eigentlich, er verpasst was. Irgendwie genießen die Kinder das da alle glaube ich. Jeden Tag spielen wir was oder ich bringe ihnen ein Lied bei, manchmal hab ich sogar mein Handy dabei und sie dürfen ein bisschen zocken, das ist natürlich der Super GAU. Eins der Kinder fragte mich einmal, ob ich sie alle eigentlich vergessen würde, sobald ich nach Deutschland zurück kehre. Izack hat mich fast schon angebettelt, dass ich zu seiner Graduation-Feier 2016 komme. DA KRIESCH ISCH PIPI INNE AUGEN! Und ich werde mein Bestes tun, das zu schaffen..

Kurze Eskalation am Kuhstall mit Isaya.. Goddi kann fliegen! Und Charles kann ganz toll ins Foto springen :D Skola kann tanzen!

Es ist total schön, so außerhalb der Schule Zeit mit den Kindern zu haben. Es ist irgendwie eine ziemlich glücklich bunt zusammen gewürfelte Gruppe da abends. Einfach schön.

Der Wachmann Peter sagte einmal, ich sei wie Papst Johannes Paul II. Wie er darauf kam, weiß ich nicht, aber seine weiteren Erläuterungen waren, ich wüsste, wie man mit Menschen zusammen lebt. Auf Kiswahili klingt das schlüssiger. Und ich könnte überall auf der Welt Freunde finden.

Peter will übrigens –zufällig- auch eine weiße Frau heiraten.

Papa, ich soll Dich fragen, wieviele Kühe man ungefähr für ein deutsches Mädchen bezahlen muss.

Nur interessehalber.

 

Als im Mai dann mal eine kurze Phase eintrat, in der ich weniger zu tun hatte vormittags in der Schule, bin ich wieder regelmäßiger in den Kindergarten gegangen. Ich genieße es da sehr. Da sind die 3- bis 6-jährigen. Diese Lütten sind einfach goldig.

Ich korrigiere da dann Hefte, male Sachen an die Tafel, zeige mit dem Stock auf Buchstaben oder Silben, die sie vorlesen sollen, singe Lieder mit den Kindern oder spitze Stifte an. Ich spitze ziemlich viele Stifte an. Ich kann gut Stifte anspitzen! ;-)

An einem Tag kam dann einer der Lehrer rein und sagte irgendwas, da stand auch schon freiwillig das erste Kind auf und ging zu ihm nach vorne. Das Kind machte den Mund weit auf und der Lehrer machte irgendwas. Das Kind machte den Mund wieder zu und spazierte aus der Klasse, eine Minute später kam es zurück. Aus meiner Perspektive konnte ich nicht wirklich sehen, was er da tat. Als der Strom der Kinder, die freiwillig aufstanden und zu ihm hingingen nicht abriss, ging ich auch mal hin um zu sehen, was da vor sich geht.

Der Lehrer brach den Kindern die Wackelzähne raus! Und die Kinder verzogen keine Miene! Nichts! Sie gingen ja sogar freiwillig hin! Er wackelte einfach an allen Zähnen, bis er einen fand, der wackelte, drückte einmal kurz kräftig mit dem Daumen dagegen und –zack- war der Zahn raus! Die Kinder gingen dann schnell den Mund ausspülen und setzten sich wieder hin. Und zeigten mir später in der Pause stolz ihre Lücken!!! Also als ich Wackelzähne hatte, durfte sich niemand meinem Mund auch nur auf 10m nähern..

Hiltruda..aus unerfindlichen Gründen mit Weihnachtsmütze. Im Mai.  So sieht ein tansanischer Kindergarten von innen aus!

 

Ebenfalls im Mai besuchte uns der Künstler, der im November schon mal für längere Zeit dagewesen war, wieder. Während eines gemeinsamen Abendessens mit Mama Mallya, Mama Njau und ihm entspann sich dann auf einmal ein Gespräch darüber, ob ich nicht Schwester werden wolle. Solche Gespräche waren schon öfter in den letzten Monaten vorgekommen, doch immer mit einem leicht scherzhaften Ton und eher so zwischen Tür und Angel.

Diesmal hatte ich aber eine verschworene Wand von drei Überzeugungsstarken vor mir. Ungefähr eine halbe Stunde wurde da also versucht, mich davon zu überzeugen, dass alle Zeichen des Schicksals, oder Gottes, oder des Universums oder was auch immer, mir zeigen sollen, dass Schwester bei OSS (das ist der „Orden“ hier) eindeutig der einzig richtige Weg für mich ist. Mama Mallyas Totschlagargument war, dass es ja einen Grund haben muss, dass ich erstens hier ausgerechnet bei OSS gelandet bin für 10 Monate und zweitens dass dieses Gespräch überhaupt statt findet. Gutes Argument. Ich werde drüber nachdenken.

Leider standen Ende Mai auch die nächsten Klausuren an. Und was das heißt, dürften aufmerksame Leser meines Blogs mittlerweile wissen: Anna sitzt stunden- und tagelang im Büro, um Klausuren erst abzutippen und anschließend zu kopieren. Eine anstrengende und ermüdende Arbeit und leider auch eine nervenaufreibende, weil ich dabei jedes Mal das Gefühl habe, während ich da alleine im Büro am Computer/Drucker sitze/stehe, fliegt die Zeit einfach an mir vorbei.

Aber wie alles andere hatte auch das irgendwann ein Ende.

 

Ich habe außerdem mehrfach Hefezopf und irgendwann auch Vollkornbrötchen gebacken. Beides kam hervorragend an und wurde weg gefuttert wie verrückt.

Vollkornbrötchen - Danke Thomas! :) Hefezopf- einmal süß, einmal herzhaft!

Als ich Peter mal was zum Probieren raus gebracht habe und Simba nicht da war, habe ich Peter gesagt, er solle was für Simba übrig lassen. Hat er natürlich nicht. Als ich ihn gefragt habe, was jetzt aus seinem Freund werden solle, sagte er: „TUMBO HAINA RAFIKI!“, was, wörtlich übersetzt, heißt „Der Bauch hat keinen Freund.“, vergleichbar mit der deutschen Aussage „Beim Essen hört die Freundschaft auf!“.

 

Einen Samstag war ich in Himo, um bei meinem Schneider etwas abzuholen, als ich eine SMS von einem der Lehrer bekam. Er fragt, was ich mache, wie’s mir geht und so. Nachdem wir kurz telefoniert hatten, fuhr ich einfach zu ihm. Er wohnt etwa 20 min mit einem Sammeltaxi entfernt, der Ort heißt Makerere.

Als ich ankam, stand da der Lehrer, den ich aus der Schule nur in Anzug kenne, in halbaufgeknöpftem Hawaiihemd und Sportshorts. Erstmal saßen wir dort an der Straße noch mit seinen Freunden zusammen und unterhielten uns, irgendwann brachte er mich nach Hause zu seiner Frau und seinen Kindern. Seine Frau hatte gekocht. Schon eine Stunde später machten wir uns wieder auf den Weg. Er hatte vorgeschlagen, dass wir noch einen Lehrer, der krank war, besuchen. Mir war klar, dass wir das zeitlich nicht schaffen würden, da ich ja zum Melken wieder zuhause sein wollte, aber alle Hinweise auf die Uhrzeit haben ihn nicht interessiert. Als wir 20 min später also wieder in Himo waren, fiel ihm auf, dass wir es zeitlich nicht schaffen würden. Mein „Aha. Hab ich’s doch gesagt!“, habe ich mir verkniffen.. Wir trennten uns also, ich ging nochmal zum Schneider, wo meine Sachen tatsächlich mittlerweile fertig waren und er zum Billardspielen. Ich mag Spontaneität.

Wenn man beim Schneider lange warten muss.. Maria: Familie Shayo und Anna.

 

Ende Mai kam mein Lieblingskind eines Abends nicht zum Milch kaufen. Brian. Ein großartiger, herzlicher Junge.

Als ich nach ihm fragte, sagte man mir, er habe sich zwei Finger abgeschnitten und müsste deshalb erstmal zuhause bleiben. Ohne Wimpernzucken wird mir das mitgeteilt! Sowas passiert hier einfach. Das gehört irgendwie zum Alltag. Er hat seine Hand in eine Mahl-Maschine gesteckt. Mittel- und Ringfinger der linken Hand sind unter dem mittleren Gelenk abgeschnitten worden.

Ein paar Tage später habe ich endlich Zeit gefunden, ihn zu besuchen. Er war total fröhlich, hat sich gefreut, mich zu sehen, hat erzählt, rumgealbert und sich über die Kekse gefreut, die ich dem leidenden, kranken Kind mitgebracht hatte, das offensichtlich gar nicht so krank war und erst recht nicht (mehr) gelitten hat..

Ein weiterer Tag, an dem ich mich über die Unterschiede wundere.

Abgesehen davon, dass man in Deutschland vermutlich versuchen würde, die Finger wieder anzunähen, würde ein deutsches Kind auch nicht drei Tage später wieder draußen rumtoben. Das läge unter Antibiotika im Krankenhaus, die verstörte, heulende Mutter würde nicht von seiner Seite weichen..

 

An Pfingsten habe ich das erste MaI die Lesung in der Kirche gelesen. Auf Kiswahili. Vor ziemlich vielen Leuten.

Das war eine große Ehre, vor allem eben, weil es Pfingsten war und nicht irgendein anderer, normaler Gottesdienst.

Ich hatte schon vorher ab und an mal eine Fürbitte gelesen, aber jetzt eben die Lesung.

Ich habe seit dem noch ein paar Mal die Lesung lesen dürfen. Das macht mich stolz!

Brian an Pfingsten :) Ich mit Johnson, Brians kleinem Bruder und neben mir Peter mit Brian. Pfingsten - der nochmal Pfingsten. Der festliche Einzug in die Kirche an Pfingsten.

 

Wir haben übrigens auch einen neuen Pfarrer. Seit Father Louis im Dezember krank geworden ist und deshalb wieder nach Hause nach Moshi gezogen ist, hatten wir ja nur noch Sonntags Messe, immer mit irgendeinem auswärtigen Pfarrer, der grade Zeit hatte. Aber seit einigen Wochen haben wir einen neuen, sehr netten Pfarrer, Padri Gerald. Wir unterhalten uns öfter mal und verstehen uns sehr gut.

Er hat in unsere Messe mal ein bisschen zack gebracht! Ihm war es zuwider, dass die meisten Schwestern ihre Bibel nicht zur Hand hatten und mitgelesen haben während des Evangeliums, dass die Lieder immer so träge und nur von so wenigen Schwestern gesungen werden und auch, dass alles andere genauso träge lief.

Jetzt gibt es für jeden täglich einen Zettel, auf dem die Lieder vermerkt sind, alle singen mit, alle sind wach und hellhörig im Gottesdienst. Jeden Morgen!

 

Im Großen und Ganzen hat es ungefähr Mitte Mai angefangen, dass kein Tag mehr vergangen ist, an dem mir nicht irgendwer gesagt hat, dass ich nicht weg gehen soll, oder mich gefragt hat, wann ich wieder komme, ob ich meinen Aufenthalt hier nicht verlängern kann und wenn nicht, warum ich mich nicht einfach versteckt um den Flug zu verpassen. Täglich sagt mir irgendwer, dass er mich vermissen wird und wie wichtig und hilfreich ich hier bin.

Das zu hören ist schön, sehr schön. Der Direktor der Schule sagt, er kauft mir ein Grundstück und die Lehrer sagen, sie sammeln Geld um mir ein Haus zu bauen damit ich für immer hier bleiben kann.

Skola will, dass ich meine zukünftigen Kinder her bringe, damit sie mit ihr leben (das ist die Schwester, die abends auch bei den Tieren ist).

Auch wenn all diese Komplimente auch Teil der Kultur sind und man sie nicht so ernst nehmen kann, wie man sie in Deutschland nehmen könnte (vor allem in Norddeutschland, wo das herzlichste Kompliment, auf das man hoffen darf „bist schon ganz okay“ ist..), ist es doch schön, es zu hören. Ich hab mir viel Mühe gegeben, und diese Bemühungen sind angekommen. Ich bin angekommen.

 

Und sonst so? Hier noch ein paar Fotos, Erklärungen dazu in den Fotobeschreibungen.

Projekt: Armbänder flechten. Projekt: Projekt: Waffeln backen mit den Jungs. Kiswahili: Biskuti. Einer, der lang vergrabenen Schätze, den ich entstaubt und zum Vergnügen der Kinder heraus geholt habe: Eine Kinderrutsche! So verfliegt die Wartezeit auf den Bus!

 

 

Anfang Juni fingen die Ferien an, für mich ging es mit Franzi auf in den Urlaub.

Zum Thema Urlaub lasse ich jetzt mal nur Bilder sprechen..

01Mai
2015

Mal ein paar etwas lebendigere Einblicke in mein Tun hier!

Hier die erste Klasse meiner Schule. Sie singen ein Lied, das ich letztes Jahr selber auf einem Seminar in Deutschland gelernt habe und so schön fand, dass ich es ihnen jetzt beigebracht habe.

 

 

Und hier die sechste Klasse, auch das ist mein Werk.

Selbst "gedichteter" Text zur Meldodie von WE WILL ROCK YOU von QUEEN.

 

Das Ganze hab ich bei einer Probe für die Graduation der siebten Klasse aufgenommen.

Die Graduation wird erst im September sein, also haben wir noch Zeit, das zu perfektionieren!

 

12April
2015

Ostern in Afrika und ein kleines bisschen Touristen-Luft schnuppern

Nachdem die Exams geschrieben waren und die Schule gemeinschaftlich geputzt worden war, fingen am Freitag die Ferien an. Die Lehrer trafen sich jedoch auch noch Montag bis Mittwoch, um allerlei bürokratischen Kram zu erledigen, wie z.B. die Klausurergebnisse handschrifltich in verschiedene Listen einzutragen.

Am Gründonnerstag hatte kein Pfarrer Zeit, die Messe bei uns zu lesen, also gingen ein paar Schwestern und ich runter nach Himo in die große Kirche. ich wurde glücklicherweise noch rechtzeitig darauf hingewiesen, etwas weißes anzuziehen, sodass ich dann sogar richtig gekleidet war.

Abgesehen davon, dass bei der Fußwaschung natürlich nur Männern die Füße gewaschen wurden, gibt es eigentlich nicht viel zu dem Gottesdienst zu sagen.

Am Karfreitag war auch wieder nachmittags in der großen Kirche Messe. Hier schaffte ich es dann, mich zu blamieren:

Die Kreuzanbetung begann damit, dass der Pfarrer sich vor ein großes Holzkreuz, das von zwei Messdienern gehalten wurde, kniete und es küsste. Anschließend liefen die Schwestern um mich rum los und deuteten mir an, ihnen zu folgen. Nun saßen wir jedoch keineswegs an einer Stelle in der Kirche, die uns das Recht gegeben hätte, als erste nach dem Pfarrer zur Kreuzanbetung zu gehen, wir saßen in der Mitte des Seitenschiffes. Von dort aus starteten wir eine regelrechte Prozession: Wir liefen ganz nach hinten ins Hauptschiff, von wo aus wir dann in geordneten Zweierreihen festlich nach vorne schritten. Mittlerweile war mir aufgefallen, dass niemand anders außer der Ordensleute sich von seinem Platz bewegt hatte.

Naja, gut, dann fangen halt die Schwestern an und alle anderen kommen dann später. Nicht cool, aber halb so schlimm, dass ich jetzt bei den Schwestern dabei bin.

So durften wir uns dann jede einzeln vor dem Altar vor das von den Messdienern ehrfürchtig gehaltene Kreuz knien, es küssen, wieder aufstehen und uns mit einer Verneigung demütig wieder zu unserem Platz begeben und das alles vor den Augen von bestimmt 1000 anderen Messbesuchern in aller Ruhe.

Als die Ordensleute (und ich) dann schließlich fertig waren, wurde das Kreuz wieder an seinen Platz zurück gebracht. Ein paar der Schwestern gingen in die Sakristei und kamen mit Minikreuzen wieder raus, jetzt durften sich alle anderen Messbesucher wie bei der Kommunion um den Altar drängen und bekamen von der jeweiligen Schwester kurz das Kreuz ans Gesicht gedrückt.

Großartig, die Weiße hat mal wieder eine Sonderbehandlung bekommen und durfte mit den Ordensleuten gehen.

Mir war das wirklich, wirklich peinlich. Immerhin war mir grade vor den Augen aller Anwesenden ein Privileg zuteil geworden, das mir nicht zu stand.

Als ich die Oberschwester im Nachhinein darauf ansprach, tat sie das Ganze jedoch gleichgültig ab..

Schade!

 

Ostersamstag gingen dann die großen Vorbereitungen los: Die Kirche wurde blitzblank geschrubbt, wir wuschen, bügelten, kochten, schmückten. Der Osterschmuck stand in Sachen Kitsch dem Weihnachtsschmuck in nichts nach. Bunte Fähnchen, Glitzer, Glitzer, Glitzer. Selbst die Osterkerze wurde mit Glitzerklebeband in den verschiedensten Farben verziert, auch der schöne hölzerne Kerzenständer wurde (leider) aufgepeppt.

Mama Mallya kam vom Einkauf zurück und brachte Unmengen von allem mit: Unter anderem vier stattliche, lebendige Hähne. Außerdem Kistenweise Soda, Wein, Brote, Bananen, Eier, einfach alles.

Abends kam dann ein Pfarrer aus einer der Nachbargemeinden zu uns und las um 9 Uhr die Ostermette. Diese ging bis zwölf. Die Messe war schön, aber ich war doch ein bisschen traurig, dass wir nicht runter in die Kirche gegangen sind, denn ich denke, dass ich dort eher ein traditionelles tansanisches Osterfest erlebt hätte.

Nach der Messe wurde der Pfarrer ins Haus zum essen geleitet. Ich half in der Küche bei den Vorbereitungen für das Essen für die Schwestern, als plötzlich eine der Schwestern herein kam und mich bat, mit dem Pfarrer zu essen, er habe nach mir gefragt.

So saß ich dann also in der Osternacht mit einem netten, mir jedoch leider unbekannten, Pfarrer beim Essen. Er teilte sein Bier mit mir!

Nebenan hörte ich die rund 20, extra für das Osterfest angereisten, Schwestern laut singen, klatschen und mit den Soda-Flaschen anstoßen.

Es war natürlich eine riesige Ehre, mit dem Pfarrer zu essen, aber so undankbar das auch klingen mag, muss ich sagen, dass ich lieber an dem Fest der Schwestern teilgenommen hätte.. Ich hoffe, dass das irgendwie verständlich ist und jetzt nicht nur undankbar rüber kommt.

Als der Pfarrer schließlich aufgegessen und sich auf den Heimweg gemacht hatte, stieß ich dann noch zu den Schwestern, die das Essen jedoch ebenfalls schon beendet hatten. Ich bekam dennoch eine Soda. Es folgte nur noch die Aufgabenverteilung für den Sonntag. Nach viel Bettelei wurde ich für den Abwasch sowohl nach dem Frühstück als auch nach dem Mittagessen eingeteilt. Tellerabwasch scheint man mir also mittlerweile zuzutrauen. Ein Erfolg!

 

Ostersonntag kam ein anderer Pfarrer zu uns, wir feierten die Messe, manche Schwestern machten sich gleich im Anschluss schon auf den Heimweg, manche sogar schon am frühen Morgen.

Ich konnte diejenigen, die nach der Messe noch Zeit hatten, jedoch zu einem Gruppenfoto überreden, damit ich endlich mal ein Foto von den Schwestern habe!

   Ein paar der Schwestern

Ich trug am Ostersonntag das erste Mal mein neues Kleid, das ich mir extra für Ostern hatte schneidern lassen:

  Stoff aus Dar es Salaam, geschneidert in Mwanga, getragen in Himo!

Ostermontag gab es dann auch wieder am Morgen die Messe bei uns in der Kapelle.

 

Anschließend machte ich mich auf den Weg nach Moshi, denn für die kommende Woche hatten Franzi und ich den ersten richtigen Urlaub geplant!

Am Montag trafen wir uns in Moshi mit zwei Mitfreiwilligen, die grade Urlaub in Moshi machten und Frieda und Isi. Abends kamen wir wieder bei Debbie unter, bei der wir schon am Wochenende des Kili-Marathons geschlafen hatten. Diesmal kochten wir Nudeln mit Gemüsesoße, wieder ein Traum! Dazu guckten wir DVD und fläzten auf dem Sofa, es war großartig.

Am Dienstag früh ging es los nach Lushoto, das ist ein kleines Bergdorf in den Usambara Bergen, die östlich von Moshi liegen.

Dort angekommen waren wir entzückt: Wir wurden nicht an jeder Straßenecke „Wazungu“ gerufen, nicht mal die Kinder drehten sich nach uns um. Die einzige Erklärung dafür wäre ja, dass dort ständig Weiße rumlaufen, aber uns liefen kaum welche über den Weg!

Sehr schnell hatten wir ein sehr erschwingliches und sauberes Hotel gefunden (6€ pro Nacht für ein Doppelzimmer) und mindestens genauso schnell Freunde: Bei unserem ersten Erkundungs-Spaziergang kamen wir gleich mit einem Rasta-Mann ins Gespräch, sein Name ist Ngoda, der uns dann auch gleich (wie könnte es anders sein) zu seiner Tour-Company mitnahm, wo wir eine Tour für den nächsten Tag buchten.

Abends nahm besagter Ngoda uns dann mit in eine Kneipe, wo es POMBE (Local Beer) gab. In diesem Fall Zuckerrohrbier. Abartig. Wirklich ungenießbar. Zum Glück nahm Ngoda es mit Humor und wir bekamen ein stinknormales Pils.

Am nächsten Morgen ging es früh los, wir hatten von Ngoda am Abend noch einen Frühstücks-Tipp erhalten, dem wir jetzt folgten: Wir bekamen super Chapati und Chai. Auch Bakari, der unsere Tour führen sollte, gesellte sich zu uns.

Nach dem Frühstück quatschen Bakari und Ngoda kurz und schwuppsdiewupps war Ngoda unser neuer Tour Guide.

Und dann ging es auch schon los. Auf dem Programm stand erst tropischer Regenwald, anschließend der weit bekannte Irente View Point.

Und tatsächlich. Wir liefen durch den Urwald. Abseits vom Weg wahrscheinlich komplett unberührter Dschungel. Es war fantastisch.

Wir erreichten schließlich eine kleine Hütte auf dem Gipfel eines Berges, wo wir kurz Pause machten, um uns anschließend auf den Weg zu besagtem Aussichtspunkt zu machen. Unterwegs kamen wir immer wieder durch kleine Dörfer, wo Ngoda eine bekannte Größe zu sein schien: Wir wurden überall herzlich begrüßt.

Bevor wir schließlich ankommen sollten, gab es noch auf einer Farm mitten in den Bergen Mittagessen. Dieses Mittagessen bestand aus braunem Brot, Quark, umwerfender Marmelade, Saft und... KÄSE! Das war vielleicht eine Schlemmerei - vom Feinsten!

Schließlich kamen wir am Irente View Point an.
Ich war überwältigt. Von diesem Aussichtspunkt am Rande der Usambara Berge fällt eine Klippe 1500 m weit in die Tiefe. Man kann dort oben komplett ungesichert stehen und den Ausblick genießen. Unverfälscht, atemberaubend und gigantisch.

  Irente View Point  Ngoda, ein Chamäleon und ich! Wanderung

Auf dem Rückweg stieß ein Freund von Ngoda zu uns, der uns nach Lushoto begleitete.

Abends gingen wir alle vier zuammen zu einer traditionellen Trommelveranstaltung, von der uns Ngoda schon am Abend vorher erzählt hatte. Als wir ankamen, mussten wir erstmal 10 Minuten lang ums Feuer tanzen. Wir fühlten uns natürlich total minderbemittelt, weil wir einfach keine Chance hatten, auch nur ansatzweise talentiert auszusehen neben diesen Profis. Dennoch war es ein sehr schöner Abend.

  Abschiedsfoto am Morgen unserer Abreise: Franzi, Brighton, Ngoda und ich

Am Donnerstag ging es für uns weiter nach Pangani, wo uns ein Freund von Ngoda empfing und zum Hotel brachte, was leider sowohl teurer als auch ranziger als das in Lushoto war. Aber es war keine zwei Gehminuten vom Strand entfernt, also akzeptiert.

Nachdem uns Rasta Ali (so nennt er sich selbst) zum Strand gebracht und auch den überschaubaren Rest von Pangani gezeigt hatte, brachte er uns (natürlich) zu seinem Touristen Büro. Davor saß sein Bruder und snackte genüsslich irgendetwas. Ich habe wirklich keinen blassen Schimmer was das war, aber es war köstlich.

Ali überzeugte uns davon, am nächsten Tag eine Radtour zum 16 km entfernten Ushongo Beach zu machen und prophezeite uns das Paradies.

Abends gerieten wir irgendwie in die missliche Lage, gemeinsam mit ein paar Tansaniern vor unserem Hotel am gleichen Tisch zu sitzen, alle trinkfest, einer dazu noch großzügig und anscheinend wohl betucht.

So wurden wir quasi zum Biertrinken genötigt. Als der gutbetuchte Herr dann anfing, und mit seinem Arm um unsere Schultern Fotos von der Nilpferdjadg zu zeigen, wurde es uns aber zu viel und wir gingen schlafen.

Am nächsten Morgen holte uns Ali mit den Rädern ab. Nachdem wir noch gemeinsam frühstücken gegangen waren, fuhren wir los. Die Fahrräder hatten diesen namen leider nicht mehr wirklich verdient, aber wir haben es überlebt.

Radtour Franzi und ich

In Ushongo angekommen trennten wir uns von Ali. Ali hatte mittlerweile die Warnung, die im Reiseführer zu lesen war, nicht nur erfüllt, sondern übertroffen. Dort stand „Die Guides sind leider mehr cool als motiviert.“ So war auch Ali. Mit seinen Rastas und seiner Chiller-Hose war er der coolste Typ in Pangani, aber leider zu cool, um sich ab und an mal nach uns umzudrehen oder sich nach unserem Befinden zu erkundigen, geschweige denn uns mit ein paar Infos zu unserer Umgebung zu versorgen.

Doch sobald wir alleine waren, fanden wir uns tatsächlich im Paradies wieder: Endlose weiße Strände, blaues Wasser, Palmen, kein Mensch am Strand. Es sah aus wie im Katalog. Wir fanden auch eine Hotelanlage direkt am Meer, die von Deutschen betrieben wurde, die uns ein bisschen was erzählt haben und uns die Möglichkeit gegeben haben, unsere Wertsachen wegzuschließen und uns umzuziehen bevor wir dann endlich im Indischen Ozean geschwommen sind.

Endlich waren wir in diesem Land auch mal Touristen. Wir genossen den Faulenzer-Tag in der Sonne so richtig.

 

Am Samstag verließen wir Pangani dann schon wieder und fuhren zurück nach Tanga, wo am Sonntag früh unser Bus zurück nach Moshi gehen sollte. Den Tag in Tanga verbrachten wir überwiegend in unserem perfekt klimatisierten Hotel, irgendwie waren wir insgesamt doch etwas erschöpft. Als wir uns irgendwann auf den Weg in die Stadt machten um zu Abend zu essen, stellte sich heraus, dass dieser Plan gar nicht mal so leicht umzusetzen war: Die meisten der im Reiseführer beschriebenen Restaurants existierten nicht mehr oder waren geschlossen, weil Nebensaison ist. Auf eigene Faust etwas zu suchen war auch echt schwierig. Als wir schon vollkommen genervt und verzweifelt waren, kamen wir dann aber doch noch an einem Restaurant vorbei, was so aussah, als wäre es irgendwie akzeptabel. Auf der Karte fand sich auch tatsächlich etwas, das uns beide ansprach. Leider war das nicht zu haben, teilte uns die Kellnerin mit. Nun gut, schließlich fand sich doch nocht irgendwas.

Als das Essen dann gebracht wurde waren wir mehr als positiv überrascht. Es sah gut aus, es war heiß, es war mit Liebe angerichtet und ... TROMMELWIRBEL ... es schmeckte super!

Zurück im Hotel war endlich Zeit zum duschen. Fließendes Wasser. Von oben. Nach Wunsch sogar warm.

 

Ja, wir hatten einen paradisischen Urlaub!


Morgen fängt die Schule wieder an, ich freue mich auf ein bisschen Alltag und die Kinder und Lehrer!

 

Heute sind es übrigens noch 100 Tage für mich hier in Tanzania.

Ab morgen zweistellig.

Countdown..

01April
2015

WAS BRINGT DER MÄRZ?

Was ist alles so passiert, seit mir der Halbzeit-Gedanke Horror einflößt?

MEINE MOSER-ROTH-SCHOKOLADEN-GLÜCKSSTRÄHNE GING WEITER! ;)

Mein lieber Patenonkel Thomas machte mir eine riesige Freude: Es war einmal ein wunderschöner Samstag Vormittag in Moshi. Die deutsche Freiwillige Anna ging nichtsahnend zum Postfach. Sie hatte eigentlich keine großen Hoffnungen, dort etwas zu finden. Aber Nachschauen schadet ja nicht. Und siehe da: ein unerwartetes Päckchen erwartete sie! Anna konnte ihren Augen kaum trauen, als sie erkannte, dass dieses Überraschungs-Päckchen unheimlich viel der weltweit BESTEN Schokolade enthielt! An dieser Stelle sollte passenderweise zitiert werden:

„Zu viel des Guten kann wundervoll sein!“

Und wenn sie nicht mitten in einer tansanischen Stadt gestanden hätte, würde sie immernoch dort stehen und einen Freudentanz aufführen. An dieser Stelle nochmal: VIELEN DANK!

 

Am ersten Märzwochenende fand in Moshi der alljährliche Kilimanjaro-Marathon statt. Wir hatten alle schon von unseren Vorgängern davon gehört oder gelesen und hatten uns schon lange darauf gefreut. Isi und Frieda hatten ausgerechnet an diesem Wochenende leider absolut gar keine Zeit, weshalb wir auf die Zwei verzichten mussten. Aber David kam wie besprochen aus Karatu und wir trafen uns am Samstag vormittags zum großen Frühstück in einem super schönen Café, wo wir schon öfter waren. Franzi war schon Freitag zu mir gekommen und hatte bei mir geschlafen. Samstagmorgen wurden uns dann extra Chapati gemacht, weshalb unser Frühstück im Coffee Shop dann nicht mehr so riesig ausfiel. Anschließend machten wir uns auf den Weg zu einem Hotel, wo die Anmeldung für den Marathon statt fand. Wir sind dort von mehreren Jugendlichen gefragt worden, ob wir für sie bezahlen könnten, was wir ihnen mit der Ausrede, wir würden auch hier in Tanzania arbeiten und nicht viel verdienen, ausschlugen. Im Nachhinein ärgerte ich mich darüber. Die Anmeldegebühr betrug 2000 TSH, was etwa einem Euro entspricht. Mir hätte es nicht weh getan einem oder zwei von ihnen diese Gebühr zu zahlen und inwiefern hätten sie mich ausnutzen oder verarschen können wenn ich mit ihnen dahin gegangen und für sie bezahlt hätte? Ihnen das Geld bar in die Hand zu drücken wäre vielleicht doof gewesen, aber so wäre es doch gegangen! Die Wahrscheinlichkeit, dass sie tatsächlich einfach nur an diesem Lauf teilnehmen wollten, ist ja doch recht hoch. Aber ich bin einfach so frustriert davon, ständig für den reichen Mzungu (Weißen) gehalten zu werden, ständig nur um Geld angebettelt und darauf reduziert zu werden, dass mir der Unterschied zwischen den Situationen, in denen es vielleicht doch mal angebracht wäre, zweimal hinzugucken, nachzufragen, zuzuhören, und jenen, in denen wirklich der einzige Weg ist, weiterzugehen und zu ignorieren, gar nicht mehr auffällt.

Nun ja, als mir das alles einfiel war es leider schon zu spät.

Wir meldeten uns für den 5-km-Fun-Run an. Die nächstlängere Disziplin wäre der Halbmarathon gewesen und den trauten wir uns auf Grund unseres doch eher mangelhaften Trainings nicht zu. Wir bekamen ein schickes Teilnehmer-T-shirt und eine Startnummer.

Anschließend fuhren wir zu Debbie, einer anderen Freiwilligen vom Roten Kreuz, die ich im letzten Jahr mal in Moshi kennen gelernt hatte. Sie wohnt mit einer anderen Freiwilligen zusammen in einem Haus, das die zwei ganz für sich alleine haben. Das klang für uns nach dem reinsten Luxus! Und das war es auch.

Als Gastgeschenk kochten wir abends für alle zusammen Chapati mit einer unglaublich köstlichen Gemüsesoße. Es war wirklich fantastisch.

Leider hatte Debbie kein Nudelholz zuhause, weshalb wir kurzerhand zum nächsten Duka liefen, dessen Inhaberin Debbie und ihre Mitbewohnerin Eva gut kannten, um uns das nötige Werkzeug zu leihen. Die Duka-Mama war total herzlich, holte uns erstmal ins Wohnzimmer und freute sich riesig, dass wir Kiswahili sprachen. Es war total nett und tatsächlich bekamen wir am Ende auch diesen Holzstab, den man hier als Nudelholz zum Chapati auswälzen nutzt. Mission erfüllt!

Um unsere Freiheit komplett zu machen holten die Jungs (es war noch ein anderer Freund von Debbie zu Besuch) beim Duka noch ein paar Bier.

Später nahm uns Debbie noch in eine total angesagte Karaoke-Bar mit. Die Fahrt dorthin war jedoch wesentlich aufregender als die Bar an sich, in der wir nur eine halbe Stunde blieben: Ein paar Freunde von Eva waren aus Tanga mit einem Pick-up gekommen, auf dessen Ladefläche sie uns jetzt alle mitnahmen. Wie in amerikanischen Teenie-Filmen standen wir jetzt also johlend auf der Ladefläche dieses Pick-ups! Es hat echt super viel Spaß gemacht.

Am nächsten Morgen ging es sehr früh raus für uns, da wir den Start vom Marathon mitbekommen wollten, der schon um viertel nach sechs sein sollte.

Leider verspäteten wir uns ein wenig, so dass uns die Marathon-Läufer schon entgegen kamen. Aber den Start des Halbmarathons bekamen wir mit: Wir standen direkt vor dem „Start“-Zelt. Da standen schon eine Menge Läufer, aber alle, die noch nachkamen, stellten sich einfach vorne davor anstatt sich hinten anzustellen, sodass die ersten Läufer bald 10m vor der Startlinie auf den Startschuss warteten. Da kamen einfach ein paar Polizisten und schlugen die Läufer mit ihren Schlagstöcken zurück. Das war echt heftig. Aber diese Aktion, die in Deutschland nicht nur vor Ort, sondern auch im Nachhinein in den Medien große Aufregung und Empörung und sicher auch die ein oder andere Anzeige oder so nach sich gezogen hätte, wurde hier hingenommen und nicht mal großartig beachtet.

Irgendwann hatten sie es geschafft, dass alle Läufer mehr oder weniger hinter der Startlinie standen. Das war jedoch noch lange nicht das Ende vom Lied. Es gab einen Fehlstart. Irgendwer hatte ein falsches Signal gegeben und alle liefen los.

Also fing das Ganze von vorne an: Wieder wurden die Läufer mit Hilfe von Schlagstöcken hinter die Startlinie getrieben.

Irgendwann war es dann aber geschafft und der richtige Startschuss wurde gegeben.

Also machten wir uns auf den Weg zum Start des Fun-Run, der ein ordentliches Stück zu Fuß entfernt lag. Wir sollten eigentlich noch jede Menge Zeit haben, da der Fun-Run um 7.45 Uhr starten sollte. Um 7.30 Uhr kamen uns jedoch schon Helfer entgegen, die uns sagten, der Fun-Run sei schon losgegangen!

Also hatten wir unseren eigenen Start verpasst.

Wir beeilten uns, hinterher zu laufen.

Es liefen eine Menge Leute mit, die von irgendwelchen Charity-Veranstaltungen kamen, viele Kinder, viele Weiße, ein paar Muttis mit Kinderwägen, viele Spaziergänger.

Es ging beinahe den ganzen Hinweg bergauf, dafür liefen wir jedoch auch den ganzen Hinweg mit bester Sicht auf den Kilimanjaro zu! Es war wirklich wunderschön.

Die 5km hatten wir bald geschafft, den Rest des Vormittags verbrachten wir in der Arena, wo der Zieleinlauf für den Halbmarathon und den richtigen Marathon war. Hier standen zahlreiche Infobuden zu allen möglichen Themen, es gab Getränke und Gratis-T-shirts (wovon wir natürlich keins abstauben konnten..). Bald kamen schon die ersten Halbmarathon-Läufer ins Ziel. Später standen wir neben einer Laufgruppe, die gemeinsam den Halbmaraton gelaufen waren. Auf einmal fingen die an, zu singen und Aerobic zu machen. Da haben Eva und ich dann einfach mitgemacht, es war total witzig! Sogar so ein professioneller Fotograf, der da rumlief, fotografierte unsere Gruppe :D

Natürlich wollten tausend Leute Fotos mit den Wazungu machen.

Der fantastische Blick auf den Kili.

Außerdem bekamen wir von so einem Typen noch einen Flyer für den Ngorogoro-Marathon Mitte April in die Hand gedrückt und beschlossen kurzerhand, dort auch teilzunehmen, diesmal aber den Halbmarathon zu laufen!

Nachdem der Trubel sich ein wenig gelegt hatte, gingen wir alle zusammen Mittagessen.

Und damit war das Wochenende auch schon wieder vorbei.

So, jetzt hab ich aber auch genug über diese 48 Stunden geschrieben.

 

Bald nach diesem Wochenende entschied ich mich spontan, Whatsapp und Facebook vorerst abzuschalten.

Ob das, was sich danach so entwickelte jetzt etwas damit zu tun hat oder nicht, kann ja jeder selbst interpretieren. Ich für meinen Teil beurteile das so, dass ich mal wieder ziemlich bescheuert war, nicht früher auf diesen sehr zentralen Rat der Caritas zu hören: Habt nicht zu viel Kontakt nach Deutschland, das wird Euch das Ankommen in Tanzania erschweren! Leider hielt ich mich mal wieder sechs Monate lang für klüger..

Aber auf jeden Fall fing ich, nachdem die Verbindung nach Deutschland gekappt war, an, Kühe zu melken. Und das tue ich seit dem jeden Nachmittag. Das gibt nicht nur meinem Tagesablauf etwas mehr Struktur und Inhalt, es gibt mir auch die Möglichkeit, mit den Arbeitern in Kontakt zu kommen. Das Kühe Melken übernimmt normalerweise Devota, die Mutter eines Kindes aus unserem Kindergarten. Außerdem hängen dort beim Kuhstall immer unsere Arbeiter rum, die den ganzen Tag auf unseren Feldern etc. gearbeitet haben. Nach dem Melken sitzen wir dann immer alle zusammen dort rum und quatschen, hören Musik oder Ähnliches. Das ist immer ziemlich witzig und zur Abwechslung mal locker, entspannt und authentisch. Außerdem habe ich angefangen, Brot zu backen. Selbst zu backen ist nämlich wesentlich günstiger als Brot zu kaufen. Und wenn wir hier schon jeden Tag Weißbrot essen müssen, dann wenigstens selbst gebackenes. Ich habe auch mal Möhrenbrot gemacht und die Schwestern waren begeistert!

 

In der Schule war ab Mitte März wieder Exams abtippen angesagt, denn vor den Osterferien sollten die Midterm-Exams geschrieben werden. Ich durfte also für 7 Klassen plus Kindergarten, also 8 Klassen, in jedem Fach eine Klausur abtippen, die mir die Lehrer handschriftlich einreichten. Das waren so um die 80 Klausuren.

Kopiert hab ich die alle hinterher auch noch, war alles gar nicht mal so wenig Arbeit.

 

Als dann schließlich alle Klausuren getippt, kopiert und von den Schülern geschrieben worden waren, luden mich ein paar Lehrer am letzten Schultag nach Himo ein, wo wir uns in einem Restaurant trafen und dort ein paar Stunden zusammen saßen und quatschten. Außerhalb der Schule verstehe ich mich noch viel besser mit den Lehrern, es war wirklich wahnsinnig witzig! Ich bin tatsächlich ein bisschen stolz und vor allem sehr glücklich, dass die Lehrer mich anscheinend gerne dabei haben und dass wir was zu reden haben und uns so gut verstehen. Das gibt mir das Gefühl, hier anzukommen.

Es hat sich dann tatsächlich auch ein längeres Gespräch über die Unterrichts- und Bestrafungsmethoden entwickelt. Alle waren wieder sehr interessiert, wie das alles so in Deutschland läuft.

Als einer der Lehrer seine Zigaretten auspackte, sprachen wir auch mal wieder über Unterschiede was Einkommen und Reichtum in Deutschland und Tanzania betrifft. Die Miete für eine Einzimmerwohnung liegt hier angeblich bei 10000 TSH. Das entspricht 5€. Als ich ihnen dann erklärt hab, dass man Glück hat, wenn man in Deutschland eine Einzimmerwohnung für 200€ monatlich bekommt, sind ihnen fast die Augen aus dem Kopf gefallen.

Auf das Ganze Thema waren wir gekommen, weil eine Packung Zigaretten hier 2000 TSH, also 1€, kostet. Nachdem sie erfahren haben, dass eine Packung in Deutschland 6€ kostet, hat der Mathelehrer gleich angefangen, ein Konzept aufzustellen, wie wir tansanische Zigaretten in Deutschland verkaufen könnten, inklusive Versandkosten und prozentuale Gewinne pro Kopf. Er meinte das natürlich nicht wirklich ernst, aber ich glaube, das Geld hat er trotzdem schon gerochen ;)

 

Als es langsam dunkel wurde, musste ich mich dann leider verabschieden, weil ich noch zu Franzi nach Mwanga fahren wollte, was –wenn man Pech hat- zwei Stunden dauern kann. Und ich hatte natürlich Pech! Mein Dalladalla wurde nicht ganz voll, sodass der Fahrer es für notwendig hielt, an jeder Milchkanne extra lange anzuhalten, könnte ja sein, dass mitten in der Pampa, wo man mit bloßem Auge 2 km weit gucken kann, aus einem Erdloch plötzlich noch ein potenzieller Mitfahrer auftauchen könnte.

Natürlich kam ich trotz aller Warnungen vor der Dunkelheit gesund und munter bei Franzi an.

Am nächsten Samstagmorgen brachen wir zu dem Grund meines Besuchs auf: An diesem Samstag fand ein Kreuzweg in Mwanga statt, der anscheinend sehr berüchtigt war. Jedesmal, wenn ich jemandem davon erzählte, dass wir dort mitlaufen würden, schaute derjenige mich respektvoll und ein bisschen ehrfürchtig an und sagte sowas wie „Hongera“ (=Glückwunsch) oder „Unaogopa?“ (=Hast Du Angst?). Eine Mama, die bei Franzi arbeitet, hatte ihr am Vortag noch erzählt, dass sie am nächsten Tag nicht laufen konnte als sie einmal teilgenommen hatte und dass sie gedacht hätte, sie müsse sterben. All das sorgte für ein leicht mulmiges Gefühl, aber wir waren fest entschlossen und glaubten außerdem, dass alle übertreiben, weil sie die Wazungu vor dieser, für sie sicher unzumutbaren, Anstrengung bewahren wollten.

Mit einstündiger Verspätung ging es dann auch endlich los: Die etwa hundert Teilnehmer wurden in drei extra bestellte Dalladallas verfrachtet. Wir machten uns auf den Weg: Nach dem Reisegebet wurde angefangen zu singen. Es waren ein paar Leute vom Chor dabei. Als mal kurz Stille war stimmte ich eins der Lieder an, das ich vom Gebet in der Schule kannte und war heilfroh, als irgendwer das Lied erkannte und mit einstieg (diejenigen von Euch, die um meine musikalisches Talent wissen, können sich meine Erleichterung vielleicht vorstellen..). So sang also das ganze Dalladalla mein Lied. Ich hab mich sehr gefreut J

Neben mir saß ein junger Tansanier, mit dem ich später ein Gespräch anknüpfte, bis ich von einer Schwester vor mir mit einem gradezu tödlichen Blick zur Ruhe gemahnt wurde. Sprechen war also verboten. Gut zu wissen.

Nach etwa einer Stunde Fahrt kamen wir in Kisekibaha an, von wo die Wanderung losging:

Tatsächlich hatte das nichts mit einem entspannten Kreuzweg zu tun, wie wir ihn in Deutschland gehen.

Dieser Kreuzweg hier ging den Berg steil bergauf. Wir fühlten uns wie Bergziegen, die den Hang hochhüpfen. Wir kletterten mehr als dass wir wanderten. Wäre jemand vorne abgestürzt, was gar nicht mal so unwahrscheinlich war, hätte er alle hinter sich mit runter gerissen. Es war wirklich lebensmüde und sehr anstrengend, aber durchaus machbar. Auch ein paar ältere Mamas schafften es. Noch viel waghalsiger als das pure Hochklettern war jedoch das Hinknien bei den Stationen. Aber auch das haben überraschenderweise alle geschafft.

Nach vier Stunden erreichten wir dann endlich das Dorf auf dem Gipfel des Berges, wo wir eine Prozession aus Zweierreihen bildeten, die Kinder mit dem großen Holzkreuz vorne weg. Von diesem Dorf aus ging es eine Straße gemächlich den Berg entlang, wo wir nach weiteren 20 Minuten eine Kirche erreichten. Der Priester der Gemeinde in Mwanga war gemütlich mit dem Auto dort hin gekommen.

In dieser Kirche wurde dann die Messe gelesen. Dadurch, dass nur die Teilnehmer der Wanderung an der Messe teilnahmen, fühlte es sich irgendwie familiär an. Es war wirklich schön.

Nach der Messe warteten draußen schon die Dalladallas auf uns, in die wir uns dann wieder quetschten.

Ich war mittlerweile echt erledigt und am Ende mit den Nerven. Es war, wie es oft ist: Solange man etwas tut, merkt man nicht, wie sehr es einen eigentlich anstrengt. Aber sobald man eine gewisse Zeit damit aufhört, brechen alle Dämme und die Erschöpfung überkommt einen.

Wir hatten eine Stunde Gesang im Dalla, vier Stunden Wanderung inklusive Gebet, Hinknien und durchgehendem Gesang und eine Messe voll Gesang hinter uns. Da könnte man meinen, der Chor wäre vielleicht langsam müde. Aber falsch gedacht! Der Chor sang auch auf der gesamten Rückfahrt weiter. Ich dachte, mir platzt der Kopf.

Leider hatte mein Sitzpartner von der Hinfahrt, der junge Tansanier, die Zeit in der wir in der Messe saßen anscheinend anderweitig genutzt: Er war stock betrunken. Das habe ich zu meinem Leidwesen nicht nur an seinem überlauten , ambitionierten Gesang (vielleicht passt Gegröle an dieser Stelle besser), sondern auch an seinem eher uncharmanten Geruch feststellen können.

Ich bin mir nicht sicher, ob die Straße, die wir nutzen, für Autos vorgesehen war. Hin und wieder hätte es nur eine gemeinschaftliche Bewegung in die eine oder andere Richtung gebraucht, um uns den Hang runterzustürzen. Die Straße bestand auch aus mehr Schlaglöchern als graden Stellen.

Es war wirklich eine Tortur. Die Rückfahrt dauerte zwei Stunden.

Als wir wieder an der Kirche waren, war ich wahnsinnig erleichtert. Glücklicherweise zerstreute sich die Gemeinde sehr schnell und meine Befürchtungen, es würde vielleicht noch eine Abschluss-Runde oder Ähnliches geben, bestätigten sich nicht.

Franzi und ich holten uns auf dem Rückweg noch eine Beruhigungs-Soda und trödelten.

Am nächsten Morgen war Palmsonntag. Wir hatten uns die Kindermesse um 11 Uhr ausgesucht, damit wir ausschlafen konnten. Vorher machten wir uns fantastisches Frühstück mit Ei!

Das war mein erster Palmsonntag mit echten Palmwedeln!

In der Messe entdeckte ich eine junge Frau, Theresia, die von Oktober bis Dezember an „meiner“ Schule ihr Referendariat gemacht hatte. Auch sie erkannte mich und wartete nach der Messe auf mich. Sie freute sich total und umarmte mich gleich überschwänglich. Es stellte sich heraus, dass die Lehrer-Schule in Mwanga ist. Sie wird ihre Ausbildung jedoch im Mai beenden und dann zurück nach Hause ziehen, was in Tabora ist. Sie nahm mir das Versprechen ab, sie vor Mai mal an ihrem College zu besuchen.

Zusammenfassend kann ich also sagen, dass sich seit dem Zwischenseminar alles ins Positive entwickelt hat: Ich habe mitterweile wirklich das Gefühl, einen Teil zu dieser Gemeinschaft beizutragen, den man mir nicht nur aus Mitleid überlässt, sondern den ich mir erarbeitet habe und mit dem ich etwas tue, das gut für die Gemeinschaft ist und mich somit noch ein kleines bisschen mehr zu einem Mitglied macht.

So melke ich also täglich, koche jeden zweiten Tag Trinkwasser für alle Schwestern, gebe so oft wie möglich einer der Schwestern Computer-Unterricht, backe Brot und übernehme einen Teil des Putzplans.

Oh, da fällt mir noch eine große Errungenschaft ein: Ich habe es endlich, endlich geschafft, dass für mich kein eigenes Essen mehr gekocht wird. Ich esse jetzt also endlich das typisch tansanische Essen anstatt jeden Tag eine Extra-Wurst zu bekommen (leider im wahrsten Sinne des Wortes..). Mein Versuch, vielleicht sogar während der Schulzeit mit den Lehrern gemeinsam in der Schule zu essen, ging leider in die Hose. Aber das wäre vielleicht auch zu viel auf einmal verlangt. „Wer’s gut hat und besser will, kriegt’s schlechter“, wie Franzi zu sagen pflegt..

Also bin ich jetzt erstmal damit zufrieden, dass ich endlich auch Kochbananen, Ugali und Bohnen essen darf (was –nebenbei gesagt- übrigens auch wahnsinnig lecker ist!)

So, jetzt reicht’s aber.

Dieser Text ist leider mal wieder etwas ausgeufert.. Also Danke an all jene, die diese Worte hier noch lesen, weil sie nicht vorher kapituliert haben! ;)

 

Einer der Lehrer Felix! Ich kann's einfach nicht lassen - nochmal der Kili!

21Februar
2015

Halbzeit!

Heute in genau fünf Monaten werde ich im Flugzeug nach Hause sitzen.

Eine gleichermaßen erheiternde und erschreckende Tatsache.

Naja, eigentlich mehr erschreckend. Denn das heißt, dass die Hälfte meiner Zeit hier in Tansania, die Hälfte meines Traums, die Hälfte meines großen Abenteuers schon um ist.

Wie ist das passiert? War es nicht erst gestern, dass ich hier ankam, dass alles neu war, dass ich mich wie ein Fremdkörper im Gefängnis gefühlt habe? Habe ich nicht erst kürzlich meinen Koffer gepackt, nicht nur mit Klamotten, auch mit großen Erwartungen, Erlebnisdrang, Fernweh? Ist es schon so lange her, dass ich mich verabschiedet habe um mit offenen Augen, Ohren und Armen das Neue willkommen zu heißen?

 

Die Zeit rennt. Aber sie rennt leise. Ich habe es kaum bemerkt.

 

Was ist in der Zwischenzeit alles passiert?

 

Ich habe mich in die Kinder verliebt. Und die Kinder haben sich in mich verliebt.

Sie rennen morgens auf mich zu, sie rennen in der Pause auf mich zu, sie schauen im Lehrerzimmer vorbei, wenn sie mal mitten in der Stunde zum Klo rennen und sich sicher sind, dass ich alleine im Lehrerzimmer bin. Es gibt eigentlich keine Minute, in der ich keine Kinderhand auf meinem Arm, in meinen Haaren oder irgendwo sonst hätte. Sie belagern mich und ich genieße es.

Ich bin Teil des Kollegiums geworden. Die Lehrer fragen mich nach meinem Zuhause, meiner Familie, nach Europa und Deutschland aus. Wir gehen nach der Schule gemeinsam eine Soda trinken. Ich werde zu ihnen nach Hause eingeladen. Sie erzählen mir von ihren Familien, wir reden auf einer Augenhöhe miteinander.

Die Schwestern sind mir ans Herz gewachsen. Ich scherze mit ihnen, vermisse sie, wenn ich mal nicht zuhause bin, freue mich, sie wieder zu sehen. Distanz und Skepsis sind Humor, Warmherzigkeit und Freundschaft gewichen.

Man vertraut mir und meinen Fähigkeiten. Ich muss nicht mehr ganz so sehr betteln, um etwas zu tun zu bekommen. Meine Ideen werden wertgeschätzt und umgesetzt. Aber auch in viel banaleren Dingen merke ich, dass ich nicht mehr als Gast sondern als vollwertiges Mitglied angesehen werde: Mir wird nicht mehr alles hinterher getragen, man behandelt mich nicht mehr über-zuvorkommend, man vertraut mir, wenn ich sage, dass ich satt bin, oder nicht müde, oder noch nicht überarbeitet.

Ich kenne diesen Ort. Ich kenne Wege, Abkürzungen, Berge, Straßen, Häuser, Läden, etc. Das mag Euch nicht so wichtig vorkommen, doch das ist es. Sobald Du die äußeren Umstände kennst, kannst Du anfangen, hinter die Fassade zu blicken.

Mein Kiswahili hat sich verbessert, ich kann mich unterhalten. Es ist noch lange nicht perfekt und das wird es auch nicht werden. Aber es reicht um nicht mehr nur ‚Mzungu‘ zu sein. Es reicht, damit der Busticket-Verkäufer mir von sich aus den Studenten-Preis gibt, weil er weiß, dass ich hier lebe und nicht nur Tourist bin.

Ich habe Kultur gelernt, erfahren, gelebt.. Ich habe an großen Festen teilgenommen, habe in sehr kleinen Autos mit sehr vielen Menschen gesessen, verschiedenste Dinge gegessen, meine Wäsche per Hand gewaschen, habe wenige Male vom Arbeiten Blasen an den Händen gehabt, oft über Arbeitseinstellung, Hygienevorstellungen, Maßstäbe und Richtlinien gestaunt..

Meine Erwartungen wurden übertroffen und enttäuscht. Manches Mal war ich überwältigt, manches Mal verbittert.

Ich bin an Grenzen gestoßen. An Grenzen der Kultur, meines Glaubens, des Glaubens anderer Menschen, an Grenzen meiner Toleranz, meines Verstehens, meiner körperlichen Kraft, meiner Geduld, meiner Selbstständigkeit, meiner Unabhängigkeit.

 

Ich habe viel gelacht, oft große Augen gemacht, das ein oder andere Mal geweint, manchmal war ich wütend, manchmal wollte ich vor Liebe platzen, ich habe vermisst und ersehnt, gehofft und gewartet. Manchmal fühlte ich mich überlegen, manchmal nichtsnütz. Manchmal war ich einer Situation gewachsen, manchmal vollkommen darin verloren.


Die erste Hälfte ist um und ich bin hier und schreibe all das für Euch auf.

Und wieder ist es paradox: Ich lächle bei all den Erinnerungen, die ich grade wachrufe, um Euch zu beschreiben, was mir diese erste Hälfte gegeben hat und gleichzeitig bin ich ungeduldig mit mir selbst, unzufrieden. Denn ich schaffe es nicht, diesem Text den Glanz zu verleihen, den er haben sollte. Ich kann nicht beschreiben, wie sich dieses dauernde Auf und Ab anfühlt, wie sich Zweifel und Glück abwechseln.

 

Ich habe meine Nische gefunden. Und am Ende des Tages siegt fast immer die Freude und Zufriedenheit.

 

Ich bin sehr dankbar, dass ich hier sein darf!

 

12Januar
2015

Das große Wiedersehen – Arusha mit Freunden

Am zweiten Januar machten Franzi, Frieda, Isi und ich uns dann auf den Weg nach Arusha. Dank der Kontakte der Jungs aus Karatu hatten wir da ein seeeehr günstiges Volunteer-Haus mieten können. Auf dem Weg nach Arusha hielt der Bus jedoch plötzlich an. Niemand von uns hatte einen Schimmer, was los war. „Ni shida“ hörten wir irgendwas. Das heißt so viel wie „Es gibt ein Problem“ Also alle raus. Alle Tansanier wirkten total entspannt, als wäre das das normalste der Welt. Wir entdeckten, dass der linke Vorderreifen total platt war. Wir mussten schon eine Weile mit plattem Reifen gefahren sein.. Schon ein paar Minuten nachdem wir angehalten hatten, hielt ein anderer Bus an, aus dessen Kofferraum ein Ersatzreifen geholt wurde und der daraufhin einfach weiterfuhr. Nett, oder?

Das ist mal ein Platten. Mango-Pause, während der Bus repariert wird

Ein paar unserer Mitreisenden verlor schon die Geduld und peu a peu verteilten sich bis auf ein paar Frauen alle auf Dalladallas, die vorbeifuhren. So waren bald nur noch wir vier und eine Mutter mit Kind übrig.

Nachdem der Fahrer festgestellt hatte, dass ihm irgendein Werkzeug fehlte, beschlossen wir, in das nächste Dalladalla zu steigen, das kommen würde, obwohl wir eigentlich entschlossen gewesen waren, mit dem Bus die Reise zu Ende zu bringen. Das nächste Dalladalla, das kam, war aber anscheinend vom Fahrer angerufen worden: es brachte das ersehnte Werkzeug und innerhalb von Minuten war der Bus wieder fit.

In dem Bus, in dem 40 Minuten zuvor noch Kuscheln angesagt gewesen war, saßen nun nur noch 4 weiße Freiwillige und eine Mutter mit Kind. Das war ein ganz neues Reisegefühl! Keine verschwitze Achsel im Gesicht, kein Kind auf dem Schoß – sogar mein Gepäck hatte einen eigenen Platz! Wahnsinn! So muss sich Freiheit anfühlen!

Leider war auch das bald vorbei: Im nächsten Dorf wurden wir in ein Dalladalla verfrachtet, anscheinend schien nicht einmal der Fahrer an die Sicherheit seiner Konstruktion mit dem Ersatzreifen zu glauben.

Dennoch erreichten wir Arusha glücklich und gesund. Als wir die Jungs und später auch Hannah und Rabea, die aus Dodoma gekommen waren, erblickten, waren sowieso alle Strapazen vergessen.

Am nächsten Tag kam auch noch Kaddi aus Tukuyu (16 Stunden Fahrt!) zu uns. Es waren großartige Tage.

Morgens ging immer irgendjemand einkaufen und holte viel, viel Obst. Wir machten zweimal Chapati (für alle, die vergessen haben, was das ist: Pfannkuchen. Nur geiler.) und einmal sogar KAISERSCHMARRN! Wirklich, es war das Paradies. Unser Haus hatte einen Innenhof und fließend Wasser. Niemand zwang uns zu essen. Wir konnten für uns selber kochen, ausschlafen, lange wach bleiben, quatschen.

Alles in allem waren Silvester und diese vier Tage in Arusha wirklich fantastisch.

Wäsche waschen auf afrikanisch. Der Mount Meru und wir. KAISERSCHMARRN! Chapati-Party. Urlaubsplanung- DA geht's hin!

Kaddi ist danach mit zu mir gekommen und ist immernoch hier.
Es tut gut, mein Leben hier mit jemandem zu teilen und eine zweite Meinung zu allem zu hören.

  Kaddi, Anna und die Kids of Himo ;) Nach dem Friseur- acht Stunden hat's gedauert!Der Kili im Morgenrot - frühes Joggen lohnt sich!Selfmade Stundenplan :)Ein Besuch bei Franzi in Mwanga- in Sonntagsdress!

 

Mir geht es momentan wirklich fantastisch und ich habe das Gefühl, dieses Land immer mehr und besser kennen zu lernen.

Ich bin jeden Tag dankbar dafür, hier sein zu dürfen.

 

12Januar
2015

Jahreswechsel in Tansania

Nachdem Weinachten so ernüchternd gewesen war, freute ich mich umso mehr auf Silvester: Vier Mitfreiwillige und ich trafen uns in Moshi, wo wir tagsüber auf den riesigen Memorial-Markt gingen. Dieser Markt ist wirklich gigantisch. Dort verbrachten wir ein paar Stunden und fanden auch tatsächlich ein paar schöne Stücke.

Ich hatte die Flasche St. Anna Wein mitgebracht, die ich zu Weihnachten bekommen hatte. Der Besitzer hatte gesehen, dass wir sie in den Kühlschrank des Hostels gelegt hatten. Als wir wieder zurück waren um die Flasche zu trinken, klopfte er sehr bald an unser Zimmer, hielt uns ein Glas entgegen und verlangte eine Kostprobe des Weins.. Kann jetzt jeder selber entscheiden, wie er das findet.. Wir fanden es doch eher skurril, haben aber natürlich gerne geteilt :D

 

Wir ließen uns abends in einen Outdoor-Club fahren, der unter Freiwilligen in Moshi sehr angesagt ist. Dort gab es ein riesiges Lagerfeuer und Feuerwerk. Angesagt war auch eine Liveband (eines der Argumente des Türstehers, womit er den horrenden Eintrittspreis zu rechtfertigen versuchte), von dieser Band sahen wir jedoch nur fünf Minuten etwas, darauf folgte ein grottenschlechter DJ. Mein kleiner Bruder hätte die Übergänge besser hin bekommen.. Nun ja. Wir quatschten mit einer Menge Leute aus aller Herren Länder, bis schließlich pünktlich zehn Minuten vor Mitternacht das Feuerwerk los ging. Darf man halt alles nicht so genau nehmen. Wer erwartet denn, dass der Mann mit dem Feuerzeug auch eine Uhr hat?

Hallo 2015! Wunderkerzen Feuerwerk in Moshi Unser genialer Taxifahrer Eddi und wir

Es war ein sehr gelungener Abend. Dank der Wunderkerzen, die ich aus Deutschland mitgebracht hatte, waren wir auch kurzzeitig die Hauptattraktion und wurden fleißig fotografiert.

Eigentlich wollten wir am nächsten Morgen richtig dick frühstücken gehen, der angesteuerte Laden hatte jedoch leider geschlossen. Das war eine echte Tragödie. Der Alternativplan war aber auch ganz okay: Auf dem Markt besorgten wir uns super frisches Obst, Brot und Blue Band (gesalzene Butter). All das verzehrten wir dann auf dem wunderschönen Balkon, der unsere beiden Zimmer verband. Es war wirklich gemütlich und vor allem sehr günstig!

Frühstück auf dem Balkon Unser großartiger Balkon Bei so viel Nichtstun ist auch Zeit für ein paar Selfies..

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